Aktualität von Erich Fromm (1900-1980) zur gesellschaftlichen Lage 2020

Ich finde, die Gedanken und Auffassungen von Erich Fromm, (*23.3.1900 – 18.3.1980), Psychotherapeut und Sozialwissenschaftler, sind heute aktueller denn je und passen zur aktuellen gesellschaftlichen Situation, als seien sie explizit dafür bzw. darüber geschrieben worden.

Erich Fromm schreibt z.B., dass es in erster Linie keine individuelle Angelegenheit sei, ob ein Mensch gesund sei oder nicht, sondern von der Struktur seiner Gesellschaft abhänge.

Eine gesunde Gesellschaft fördere die Fähigkeit des Einzelnen, seine Mitmenschen zu lieben, schöpferisch zu arbeiten, seine Vernunft und Objektivität zu entwickeln und ein Selbstgefühl zu besitzen, das sich auf die Erfahrung der eigenen produktiven Kräfte gründe.

Ungesund hingegen sei eine Gesellschaft, die zu gegenseitiger Feindseligkeit und zum Misstrauen führe, wenn sie den Menschen in ein Werkzeug verwandele, das von anderen benutzt und ausgebeutet würde, wenn sie ihn seines Selbstgefühls beraube und es ihm nur insoweit belasse, als er sich anderen unterwerfe und zum Automaten werde.

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>>die Tatsache, dass Millionen von Menschen die gleichen Laster haben,
macht diese Laster nicht zu Tugenden;
die Tatsache, dass sie so viele Irrtümer gemeinsam haben,
macht diese Irrtümer nicht zu Wahrheiten;
die Tatsache, dass Millionen von Menschen
die gleichen Formen psychischer Störungen aufweisen,
bedeutet nicht, dass diese Menschen seelisch gesund sind.

(Erich Fromm, 1900 – 1980 – Wege aus einer kranken Gesellschaft)<<

In “Der Einfluss gesellschaftlicher Faktoren auf die Entwicklung des Kindes” legt er dar, dass seelische Krankheit immer ein Anzeichen dafür sei, dass grundlegende menschliche Bedürfnisse nicht zufrieden gestellt würden. Seelische Krankheit zeige, dass etwas Wichtiges fehle und sich deshalb pathologische Tendenzen entwickelten.
Wenn Eltern ihren Kindern wirklich wünschten, nicht nur erfolgreich, sondern auch seelisch gesund zu sein, dann müssten sie solche Normen und Werte, die zu seelischer Gesundheit und nicht nur zum Erfolg führten, als wesentlich erachten.

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1965!! legt er in „Sind wir geistig noch gesund?“ dar, dass nur noch produziert werde, um zu produzieren, nur noch konsumiert werde, um zu konsumieren. Es werde viel über Freiheit, Ideale und Gott gesprochen, aber in der Realität seien die Hauptinteressen rein materieller und selbstsüchtiger Natur und die Menschen seien dabei, zu kleinen Robotern zu werden. Jeder sei nur ein kleines Zahnrädchen in einer riesigen Organisationsmaschinerie von Produkten und Konsum. Das größte Interesse sei, Dinge zu produzieren und Dinge zu konsumieren, und im Zuge dieses Prozesses würden wir selbst zu Dingen. Maschinen, die wie Menschen handeln, würden dabei produziert von Menschen, die wie Maschinen handelten.

Große Gruppen von Arbeitern seien dabei Teil einer riesigen Produktionsmaschinerie und müssten, um überhaupt zu funktionieren, glatt, reibungslos und ohne Unterbrechung funktionieren. Dabei würde der einzelne Arbeiter oder Angestellte in dieser Maschine zu einem Zahnrad, dessen Aufgabe und Tätigkeiten durch die Gesamtstruktur Organisation festgelegt sei. Die großen Unternehmen würden von einem bürokratischen Management gelenkt, das das Unternehmen jedoch nicht im rechtlichen, sondern im gesellschaftlichen Sinne besitze. Solche Manager hätten dabei nicht die Eigenschaften der alten Besitzer, die sich durch individuelle Initiative, Wagemut und Risikobereitschaft ausgezeichnet hatten, sondern solche Manager hätten nun die Eigenschaften von Verwaltern. Sie verwalteten Dinge und Personen und behandelten Personen wie Dinge. Diese Manager würden sich somit durch einen Mangel an Individualität auszeichnen, durch Unpersönlichkeit, Vorsicht und Phantasielosigkeit.

Dadurch, dass die Menschen nur noch bürokratisch verwaltet würden, verwandele sich der demokratische Prozess zu einem Ritual. […] Der einzelne habe fast gänzlich die Möglichkeit verloren, auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen und aktiv an der Entscheidungsfindung teilzunehmen. Insbesondere im politischen Bereich würden Wahlen mehr und mehr zu Volksabstimmungen, bei denen der einzelne nur noch ausdrücken könne, welchen der beiden nominierten Berufspolitiker er bevorzuge, so dass höchstens noch davon zu sprechen, dass jemand mit seiner Zustimmung regiert würde. Diese Zustimmung werde mit Hilfe von Suggestion und Manipulation erreicht.

Der einzelne werde als Teil eines Produktionsteams acht Arbeitsstunden lang verwaltet. Er werde in den acht Freizeitstunden zu einem perfekten Konsumenten gemacht, der das wünsche und mag, was ihm suggeriert wird und dabei vermeintlich seinem eigenen Geschmack folge. Er werde mit Werbeslogans bombardiert, er habe mit Einflüsterungen und Stimmen einer irrealen Welt umzugehen, die ihm den letzten Rest an Realitätssinn nähmen, den er möglicherweise noch habe.

Von Kindheit an werde dem Menschen der Mut zu echten Überzeugungen genommen. Da es nur noch wenig kritisches Denken sowie kaum noch echtes Fühlen gäbe, versuche sich der einzelne nur noch dadurch von dem unerträglichen Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit zu retten, indem er sich an die Gegebenheiten anpasse, um möglichst in der breiten Masse der Funktionierenden nicht aufzufallen.

Dabei erlebe sich der einzelne nicht als aktiver Träger seiner eigenen Kräfte und seines inneren Reichtums, sondern als ein armes Etwas, das von äußeren Mächten abhänge, in die er seine Lebenskräfte projiziert habe. Der Mensch sei von sich selbst entfremdet und verbeuge sich vor seiner eigenen Hände Werk. Er kauere vor den von ihm produzierten Dingen, krieche vor dem Staat und den selbst geschaffenen Führern. Dies habe zur Folge, dass sich der Durchschnittsmensch unsicher, einsam, depressiv fühle und an einem Mangel an Lebensfreude leide. Die Freudlosigkeit und die Bedeutungslosigkeit des Lebens wäre nicht auszuhalten, wenn das System nicht permanent Fluchtwege anböte – vom Fernseher bis zu den Psychopharmaka – die vergessen ließen, dass all das, was das Leben wertvoll mache, mehr und mehr verloren gehe.

» Allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz
sind wir bald eine Gesellschaft,
die von Bürokraten regiert wird,
die den wohlgenährten und gut versorgten,
aber seiner menschlichen Züge beraubten
und depressiven Massenmenschen verwaltet. […] «

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Sein „Credo eines Humanisten“ aus ‘Humanismus als reale Utopie – Der Glaube an den Menschen’ beginnt er in jedem neuen Absatz mit „ich glaube, dass…“ Ich zitiere bzw. lege hier nur wenige Teile daraus vor, die ich als besonders betrachtenswert erachte. Jedoch ist meines Erachtens die gesamte Abhandlung ausgesprochen lesenswert (Quelle siehe unten)

Fromm beschreibt, dass der Mensch seines Erachtens grundsätzlich die Wahl habe zwischen Leben und Tod, zwischen Kreativität und destruktiver Gewalt, zwischen Wirklichkeitssinn und Illusion, zwischen Objektivität und Intoleranz, zwischen brüderlicher Unabhängigkeit und einer Bezogenheit auf Grund von Über- und Unterordnung.

Seines Erachtens könne der Mensch, der sich für das Vorwärtsgehen entscheide, eine neue Einheit finden, indem er alle seine menschliche Kräfte zur vollen Entfaltung bringe. Diese könnten s.E. sich in drei Weisen entfalten und allein oder im Verbund in Erscheinung treten: in der Biophilie, in der Liebe zur Menschheit und zur Natur und in Unabhängigkeit und Freiheit.

Seines Erachtens sei die Liebe sozusagen der “Hauptschlüssel”, mit dem sich die Tore zum Wachstum des Menschen öffnen lassen. Damit meine er die Liebe zu und das Einssein mit jemand anderem oder etwas außerhalb desjenigen,
wobei für ihn das Einssein besage, dass man sich auf andere beziehe und sich mit anderen eins fühle, ohne damit das eigene Gespür für die eigene Integrität und Unabhängigkeit einschränken zu müssen.
Liebe sei für ihn eine produktive Orientierung, zu deren Wesen es gehöre, dass man sich für das, womit man eins werden will, interessieren müsse sowie gleichzeitig sich für dieses verantwortlich fühlen müsse und es ebenso zugleich achten und verstehen müsse.

Die Praxis der Liebe sei seines Erachtens und Glaubens nach das menschlichste Tun, das den Menschen ganz zum Menschen mache und ihm zur Freude am Leben gegeben sei.
Für diese Praxis der Liebe gelte aber wie für die Vernunftfähigkeit, dass sie sinnlos ist, wenn sie nur halbherzig vollzogen werde.

Er ist der Überzeugung, dass man erst “frei von” seinen inneren und/oder äußeren Bindungen sein müsse, um die Fähigkeit zu erlangen, auch “frei zu” etwas zu sein:
zu schöpferischem, gestaltendem Tun, zu mehr Erkenntnis usw.
Erst dadurch sei der Mensch fähig, ein freies, tätiges, verantwortliches Wesen zu sein. […]

(lies weiter im Gesamt-Zusammenhang!.. siehe Quelle(n) unten!)

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und hier noch ein dazu SEHR sehenswertes Video,
in dem er über die kranken Gesunden und die gesunden Kranken spricht (2 min.)

 

ich bedanke mich bei Erich Fromm! – berührend!
seine Schriften zu entdecken vor vielen Jahren hat mir soooo geholfen
in meinem Leben! 😊 🍀

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Zum Weiterlesen:

Herzliche Grüße ~ WaldSeele

WaldSeele.net

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